Laienmusikkultur im Dauer-Krisenzustand

Schrumpfende Mitgliederzahlen, weniger Nachwuchs für Ensembles, gesunkene finanzielle Rücklagen

v.l.: Andreas Kleinhenz, Andreas Horber, Ausschussvorsitzender Robert Brannekämper, Joachim Graf, Franz Josef Pschierer, stellv. Ausschussvorsitzender Dr. Wolfgang Heubisch
v.l.: Andreas Kleinhenz, Andreas Horber, Ausschussvorsitzender Robert Brannekämper, Joachim Graf, Franz Josef Pschierer, stellv. Ausschussvorsitzender Dr. Wolfgang Heubisch

Bayerischer Musikrat warnt in Anhörung beim Bayerischen Landtag vor Auswirkungen der Corona-Pandemie und der Energiekrise – wichtiger Teil der kulturellen Bildung ist bedroht

München – Schrumpfende Mitgliederzahlen, weniger Nachwuchs für Ensembles, gesunkene finanzielle Rücklagen – das sind Probleme, mit denen die Laienmusikkultur im Freistaat aktuell zu kämpfen hat. Der Bayerische Landtag hat heute Sachverständige zu einer Anhörung im Ausschuss für Wissenschaft und Kunst geladen, um sich ein Bild von der Laienmusik- und Laientheaterszene nach zwei Jahren Corona-Pandemie zu machen. Mit dabei waren auch der Geschäftsführer des BBMV Andreas Horber, ASM-Geschäftsführer Joachim Graf und NBMB-Geschäftsführer Andreas Kleinhenz sowie ASM-Präsident Franz Pschierer, der auch Mitglied des Ausschusses ist.

Der Bayerische Musikrat als größte Organisation für Laienmusik im Freistaat appellierte unter anderem dafür, dass Singen und Musizieren in Kitas und Schulen wieder eine größere Bedeutung bekommen muss. Denn das legt die Basis für eine lebendige Laienmusikkultur.  „Musikunterricht, Schulchor, Schulorchester und musikalische Arbeitsgruppen dürfen nicht weiter der Steinbruch für Lehrermangel in vielen anderen Fächern sein. Ganz zu schweigen vom Mangel an Musiklehrkräften in der Schule. Denn die Begegnung mit der Musik und das aktive Musizieren sind unabdingbar für die Entwicklung unserer Kinder, sozial und sogar gesundheitlich.“, so Musikratspräsident Dr. Helmut Kaltenhauser.

Der Bayerische Musikrat hat einen guten Überblick über die Landschaft der Laienmusik-Ensembles im Freistaat: Unter seinem Dach sind die Laien-Chorverbände, Blasmusikverbände, der Harmonika-Verband, der Liebhaberorchesterverband, die Zither- und Zupfmusikverbände sowie kirchliche Laienmusikverbände organisiert. Sie haben insgesamt über 400.000 Mitglieder. Dabei handelt es sich um einen wichtigen Baustein des kulturellen Lebens, wie der Präsident des Bayerischen Musikrates (BMR), Dr. Helmut Kaltenhauser MdL, betont: „Ohne eine breite und aktive Laienmusik werden wir keine Musik auf Weltniveau hervorbringen. Nicht nur deshalb muss das Musizieren ein wesentlicher Bestandteil des Lebens unserer Jugendlichen sein und wieder werden.“

Finanzielle Herausforderungen der Musikvereine durch Energiekrise noch verschärft

Die durch die Corona-Pandemie ohnehin vorhandenen finanziellen Herausforderungen für die Laienmusik in Bayern verschärfen sich wegen der steigenden Inflation und der aktuellen Energiekrise noch weiter: Bereits jetzt erreichen den Bayerischen Musikrat besorgte Schreiben von Vereinsvorsitzenden, deren Nebenkostenabrechnungen um den Faktor drei erhöht wurden. Aufgrund der durch die Corona-Pandemie aufgebrauchten Rücklagen können solche Energiekostenerhöhungen von den Vereinen nicht mehr selbst finanziert werden. Hinzu kommt, dass viele Vereine in den Wintermonaten aufgrund der steigenden Energiekosten ihre Probenräume ebenso wie nicht beheizte Kirchen oder Säle in Gastronomiebetrieben nicht mehr nutzen können. Hier mahnt der BMR, dass es dringend notwendig sei, Vereine bei eventuellen Bundesprogrammen zu berücksichtigen oder von Seiten des Freistaates Bayern entsprechende Hilfsprogramme zu schaffen. „Die Vereine als die zentralen Vermittler von Musik sind unverzichtbar“, sagt BMR-Präsident Dr. Helmut Kaltenhauser. „Sie müssen dringend gestärkt werden: Finanzielle Hilfen, gerade nach Corona und wegen steigender Preise, sind genauso wichtig wie auch der Abbau von wuchernder Bürokratie, die immer mehr Vereinsaktive in die Passivität treibt.“

Weniger junge Mitglieder in Musikvereinen als vor der Pandemie

Aus Sicht des BMR ist die Laienmusikszene gerade in einem Flächenland wie Bayern die tragende Säule für kulturelle Bildung und bietet einen niedrigschwelligen Zugang aller Altersgruppen zu kulturellen Angeboten wie Chören, Volksmusikgruppen, (Blas-)Orchestern, Trommler- und Spielmannszügen, Posaunenchören und so weiter. Gerade für Kinder und Jugendliche sieht der BMR die Bedeutung der Laienmusik als besonders hoch an, da es aufgrund des Lehrkräftemangels aktuell zu wenig musikalische Angebote an Schulen gebe. Bei eben dieser jungen Zielgruppe gibt es aber nach zwei Jahren Corona-Pandemie auch Nachholbedarf: Weil 2020 und 2021 kaum Nachwuchswerbung stattfinden konnte, kam es zu einer Reduzierung der Mitglieder unter 18 Jahren in den Musikvereinen um fünf bis 40 Prozent.

Fehlende Planungssicherheit macht Ensembles weiterhin zu schaffen

Viele Vereine, Organisationen und Ensembles kämpfen aufgrund der Corona-Pandemie mit gesunkenen finanziellen Rücklagen, wie der Bayerische Musikrat beobachtet. Abgesagte Konzerte und Veranstaltungen haben massiv an den finanziellen Ressourcen gezehrt. Die Corona-Hilfsprogramme konnten zwar Defizite im musikalischen Bereich mindern und in Teilen dafür sorgen, dass Dirigenten und Ausbilder nicht in andere Bereiche abgewandert sind. Allerdings durften die Hilfsgelder nicht für Fixkosten wie Miete und Nebenkosten der Probenräume oder Versicherungen verwendet werden. Eine Entspannung der Lage ist noch nicht absehbar: Fehlende Planungssicherheit sorgt dafür, dass viele Ensembles sich kaum trauen, Auftritte zu planen – so auch in der kommenden Vorweihnachtszeit. Zudem stelle auch eine große gesellschaftliche Veränderung, die in allen Lebensbereichen zu erkennen ist, die Vereine vor Probleme: Sie äußert sich durch weniger Bereitschaft der Musikerinnen und Musiker, sich an Proben und Auftritten zu beteiligen, sowie durch gesunkene Publikumszahlen. Während der Corona-Pandemie hätten sich die Menschen daran gewöhnt, mit weniger Freizeitangeboten auszukommen – der Bayerische Musikrat hofft aber darauf, dass sich dieses Verhalten mit der Zeit wieder normalisieren wird.