Ein Plädoyer fürs Wertungsspiel

Andreas Grandl war viele Jahre lang Referent für musikalische Wettbewerbe im MON und im Bayerischen Blasmusikverband, bevor er das Referat für Wertungsspiele übernahm. Der hauptberufliche Kursorganisator der Bayerischen Musikakademie Marktoberdorf hat durch seine umfangreiche Dirigententätigkeit ein besonderes Verhältnis zu den Wertungsspielen gewonnen. Warum er sehr für eine Teilnahme an den Wertungsspielen plädiert, verriet er der »Bayerischen Blasmusik«.

Er würde sich selbst nicht als größten Verfechter der Wertungsspiele bezeichnen, aber doch als einen sehr erfahrenen Wertungsspiel-Teilnehmer. Schließlich nimmt er mit all seinen Kapellen an den Wertungsspielen teil. »Das ist sogar eine meiner Bedingungen, bevor ich eine Stelle antrete. Die andere Bedingung ist, dass die Kapelle einmal im Jahr ein Konzert gibt - auch das ist nicht überall der Fall«, gibt Grandl zu bedenken. Alle mög­lichen Ergebnisse hat er in seinen rund 50 Wertungsspiel-Einsätzen schon eingefahren. Die Bandbreite reicht von 78 bis 94 Punkten. »Neben den ganz unterschiedlichen Bewertungen habe ich auch schon alle möglichen Bedingungen, Orte und Gegebenheiten erlebt«, erzählt Grandl.

Seiner Erfahrung nach liegt es zu 90 Prozent am Dirigenten, ob eine Kapelle am Wertungsspiel teilnimmt. »Das gehört zu den Dingen, zu denen man seine Musiker wunderbar motivieren kann, wenn man als Dirigent voller Überzeugung vorangeht.« Ebenso sei es mit dem Umgang mit dem Wertungsspielergebnis. Es sei neben der Vorbereitung der beiden Stücke auch die Aufgabe des Dirigenten, das Orchester zu einer realistischen Selbsteinschätzung zu bringen. »Manche Dirigentenkollegen haben sich schon ganz neidisch geäußert, weil eine meiner Kapellen auf der Bühne so entspannt gewirkt hat«, er­innert sich Grandl. »Dabei ist auch das ganz einfach: Wir versuchen, unsere bestmögliche Leistung abzurufen. Wenn man nach dem Vortrag von der Bühne geht, spürt der sensi­ble Musiker schon, ob es gut gelaufen ist. Dann ist es egal, ob man "mit ausgezeichnetem Erfolg" bewertet wird oder nicht. Wichtig ist, dass man sein Bestes gegeben hat!«

Überhaupt ist es mit der Bewertung so eine Sache. »Ich habe schon mehrere Male einen Versuch gemacht: Einige Wochen vor dem Wertungsspiel habe ich am Ende der Probe Bewertungsbögen ausgeteilt und die Musiker gebeten, die Leistung des Orchesters aus ihrer Sicht zu bewerten. Da kamen wirklich extrem schlechte Bewertungen zustande - so schlecht würde nie eine Jury im Wertungsspiel bewerten. Der Effekt ist einerseits, dass die Musiker sehen, dass ein Wertungsrichter gar keinen so leichten Job hat, wie es immer aussieht. Außerdem werden die Musiker dazu gebracht, sich gegenseitig zuzuhören.« Ein weiterer wichtiger Punkt: Man sollte sich nicht mit den anderen Kapellen vergleichen. »Vergleiche bringen ja auch in anderen Be­reichen des Lebens nichts. Es geht nicht um andere Kapellen, sondern einzig und allein um unsere Standortbestimmung. Sonst nichts.«
»Genau genommen machen wir nicht mal wegen der Bewertung mit. Ich freue mich über jede Bewertung, die gut zu unserem Vortrag passt.« Wichtig, so Grandl weiter, sei auch das neutrale Feedback. »Beim Konzert bekommt man schon auch Rückmeldungen. Aber die sind natürlich nicht unbedingt kompetent. Der Lebenspartner oder die Eltern ­sagen schon auch ihre ehrliche Meinung, aber die sind meistens keine Fachleute.«
Und schließlich löst so eine Wertungsspielteilnahme auch positive Prozesse innerhalb des Orchesters selbst aus. »Einige Wochen vor dem Wertungsspieltermin werden die Entschuldigungen für die Probe weniger, jeder versucht, mit Eifer dabei zu sein. Manche Register kommen von sich aus und bitten um einen Termin für die Registerprobe. Das ist eine tolle Entwicklung. Man erlebt durch die intensive Arbeit an den beiden Stücken, dass sich etwas tut, dass diese Stücke eine ganz andere Qualität des Zusammenspiels be­kommen. Man erlebt in dieser Situation Flow-Momente, die durch nichts zu ersetzen sind.« Das bringt eine Kapelle dann auf lange Sicht wirklich weiter.

Schade ist laut Andreas Grandl, dass es so schwierig ist, das Feedback der Jury direkt an die Kapelle heranzubringen. Durch die neuen Modellversuche im MON sei das zwar nun erstmals möglich, aber in der Breite seien ­diese Modelle noch nicht angekommen.

»Natürlich gibt es auch Schwächen im System«, weiß Andreas Grandl. »Natürlich sind auch Juroren "nur" Menschen. Natürlich kann es immer Umstände geben, die die Bewertung der Juroren beeinflussen. Jede menschliche Bewertung ist immer subjektiv. Aber trotz aller Schwächen: Man kann dieses Angebot "Wertungsspiele" mit all seinen Inten­tionen und positiven Wirkungen nicht durch ein besseres Angebot ersetzen! Es gibt einfach kein besseres Angebot.«    

Martin Hommer, dvo

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